
Wohin steuert die Strukturreform der Kinder- und Jugendhilfe?
Der Bundestag berät das erste Gesetz zur Strukturreform des SGB VIII. Doch neue Paragrafen allein lösen die Probleme in Jugendämtern und bei Trägern nicht. Welche Weichen jetzt gestellt werden müssen, besprechen wir in unserem LIVE-Webinar mit Dr. Jürgen Strohmaier (ehemaliger Referatsleiter im Landesjugendamt Baden-Württemberg).
Die Aufgaben in der Kinder- und Jugendhilfe sind in den vergangenen Jahren deutlich komplexer geworden. Gleichzeitig steigen die Kosten, und in vielen Jugendämtern und Einrichtungen fehlen Fachkräfte. Viele von Ihnen erleben das jeden Tag. Es wird reformiert, diskutiert und nachgesteuert, und trotzdem scheint sich das Arbeitsfeld oft im Kreis zu drehen.
Genau hier setzt unser LIVE-Webinar „Die Subtraktion des Denkens“ an. Dr. Jürgen Strohmaier kennt die Kinder- und Jugendhilfe aus der Perspektive der Landesebene. Als ehemaliger Referatsleiter im Landesjugendamt Baden-Württemberg hat er über Jahre begleitet, wie Strukturen in Jugendämtern und bei Erziehungshilfeträgern entstehen und wo sie an ihre Grenzen kommen. Mit ihm fragen wir, welche Weichen jetzt gestellt werden müssen, damit die Aufgaben im Sinne der Kinder und Jugendlichen und auch der Fachkräfte gut gelöst werden können.
Zwei Termine, ein Ziel. Am ersten Tag analysieren wir die Situation und benennen Veränderungsbedarfe. Am zweiten Tag entwickeln wir konzeptionelle Eckpunkte, die Sie in Ihrer Organisation anwenden können.
Zur Veranstaltung & Anmeldung →Was gerade im Bundestag passiert
Mit dem Ersten Kinder- und Jugendhilfestrukturreform-Gesetz will die Bundesregierung gegensteuern. Am 8. Oktober 2026 hat der Bundestag den Gesetzentwurf (Drucksache 21/8274) in erster Lesung beraten. Am 12. Oktober folgte die öffentliche Anhörung mit Sachverständigen aus Wissenschaft, Kommunen, Fachverbänden und Gewerkschaften. Das Gesetz ist nach Angaben des Bundesfamilienministeriums die erste Stufe einer zweistufigen Reform. Wann der Bundestag abschließend abstimmt, steht noch nicht fest.
Was die Reform vorsieht
Der Entwurf setzt an mehreren Stellen gleichzeitig an. Diese Punkte betreffen Ihre Arbeit besonders.
- Eine Anlaufstelle für junge Menschen mit Behinderung. Die Kinder- und Jugendhilfe soll zentrale Ansprechpartnerin werden. Ein Verfahrenslotse unterstützt, wenn für Leistungen zur Teilhabe andere Systeme zuständig sind.
- Vorrang für Regelangebote. Familienzentren, Beratungsstellen, Elternkurse und Familienfreizeiten sollen vor erzieherischen Hilfen genutzt werden, wenn keine intensivere Unterstützung nötig ist.
- Bildungsassistenz als Gruppenangebot. Jugendämter, Kitas und Schulen sollen gemeinsame Angebote für mehrere Kinder planen. Einzelassistenz bleibt für Kinder mit individuellem Bedarf bestehen.
- Entlastung der Verwaltung. Fristen im Verteilverfahren für unbegleitete ausländische Minderjährige werden verlängert, die Kostenheranziehung der Eltern wird pauschaliert, und der Bund stellt digitale Lösungen zur Prüfung der örtlichen Zuständigkeit bereit.
- Flexiblere Anforderungen an Personal. Die Qualifikationsanforderungen sollen sich stärker nach Aufgabenbereich und Funktion richten. Das wirkt sich auch auf Finanzierung und Betriebserlaubnis aus.
Für den Vorrang von Regelangeboten verweist die Bundesregierung auf Berichte einzelner Kommunen, räumt im Gesetzentwurf aber selbst ein, dass dazu keine aktuellen, methodisch belastbaren Studien vorliegen. Auch die Rechnung des ism ist ausdrücklich ein Ausbauszenario und keine Prognose der tatsächlichen Gesetzeskosten. Der Gesetzentwurf kann sich im weiteren Verfahren noch ändern.
Wo Kommunen und Fachverbände Kritik üben
Mehrere Sachverständige halten die Reform grundsätzlich für sinnvoll, bezweifeln aber, dass sie die Kommunen tatsächlich entlastet. Die Bundesvereinigung der kommunalen Spitzenverbände hält die Einsparannahmen in ihrer Stellungnahme für nicht belastbar und rechnet stattdessen mit zusätzlichen Belastungen im Milliardenbereich. Heinz Müller vom Institut für Sozialpädagogische Forschung Mainz kommt in seiner Modellrechnung zu rund 3,58 Milliarden Euro Mehrbedarf pro Jahr, wenn alle Kitas und Schulen mit Bildungsassistenz ausgestattet werden. Er empfiehlt, das Gesetz in der vorliegenden Form nicht zu beschließen.
Die Arbeitsgemeinschaft für Kinder- und Jugendhilfe (AGJ) bedauert, dass die Eingliederungshilfe nicht wie geplant ab 2028 unter dem SGB VIII zusammengeführt, sondern zunächst in freiwilligen Modellversuchen erprobt werden soll. Sie warnt außerdem davor, Regelangebote gegen individuelle Rechtsansprüche auszuspielen. Die Diakonie Rosenheim begrüßt das Ziel der Entlastung, weist aber darauf hin, dass die nötige Infrastruktur erst vorhanden und mit Personal ausgestattet sein muss.
Warum wir über die Subtraktion des Denkens sprechen sollten
Die Debatte um die Reform dreht sich vor allem um Kosten, Zuständigkeiten und Fristen. Das ist wichtig. Gleichzeitig gerät leicht aus dem Blick, wofür die Strukturen eigentlich da sind. Der Titel unseres Webinars ist deshalb bewusst zugespitzt. „Die Subtraktion des Denkens“ lädt dazu ein, innezuhalten und genauer hinzuschauen, bevor die nächste Weiche gestellt wird.
Dr. Jürgen Strohmaier bringt dafür eine besondere Perspektive mit. Als Sozialwissenschaftler und ehemaliger Referatsleiter im Landesjugendamt Baden-Württemberg hat er die Arbeit von Jugendämtern und Erziehungshilfeträgern nicht nur von innen, sondern auch aus der übergeordneten Steuerungsebene erlebt. Im Webinar geht er gemeinsam mit Ihnen diesen Fragen nach.
- Wo besteht Veränderungsbedarf? Auf Basis einer Situationsanalyse benennen wir, was sich ändern muss. Pädagogische Fachkonzepte werden dabei ausdrücklich berücksichtigt.
- Welche strukturverändernden Maßnahmen braucht es? Wir schauen darauf, was Jugendämter und Erziehungshilfeträger konkret anpacken müssen und was für die Umsetzung nötig ist.
- Braucht es neue Arbeitsbündnisse? Wir diskutieren, wie die Zusammenarbeit zwischen den Handlungsfeldern neu gedacht werden kann und wie sich eine konstruktive Umsetzung schon bei der Weichenstellung beeinflussen lässt.
Was das für Jugendämter und Träger bedeutet
Auch wenn das Gesetz noch nicht beschlossen ist, lohnt es sich, die Richtung jetzt schon in Ihrer Organisation zu besprechen. Vorrang für Regelangebote, Bildungsassistenz in Gruppen und neue Zuständigkeiten für junge Menschen mit Behinderung verändern die Zusammenarbeit zwischen Jugendamt, freien Trägern, Kitas und Schulen.
Genau solche Fragen können Sie am zweiten Termin des Webinars einbringen. Dort diskutieren wir aktuelle Fragestellungen aus Ihren Institutionen und entwickeln gemeinsam passende Handlungsansätze.
Die Weichen gemeinsam durchdenken
Die Strukturreform zeigt, wie viel sich in der Kinder- und Jugendhilfe gerade bewegt. Unser Webinar mit Dr. Jürgen Strohmaier fällt mitten in das laufende Gesetzgebungsverfahren. Damit haben Sie die Chance, sich frühzeitig mit den Veränderungen auseinanderzusetzen und eigene Antworten für Ihre Organisation zu entwickeln.
„Die Subtraktion des Denkens“
Wohin geht die Kinder- und Jugendhilfe?
Die Komplexität der Aufgaben in der Kinder- und Jugendhilfe hat spürbar zugenommen. Mit Dr. Jürgen Strohmaier fragen wir, welche strukturellen und organisatorischen Weichen gestellt werden müssen, damit Jugendämter und Erziehungshilfeträger ihre Aufgaben im Sinne der Kinder und Jugendlichen und der Fachkräfte gut lösen können.
Am ersten Termin identifizieren wir auf Basis einer Situationsanalyse Veränderungsbedarfe und berücksichtigen dabei pädagogische Fachkonzepte. Welche strukturverändernden Maßnahmen sind erforderlich, und was muss für ihre Umsetzung getan werden? Am zweiten Termin formulieren wir konzeptionelle Eckpunkte, die Sie vor Ort anwenden können. Bringen Sie dafür gern aktuelle Fragen aus Ihrer Einrichtung mit.
In beiden Blöcken wollen wir bewusst über den Tellerrand hinausdenken und auch neue Arbeitsbündnisse zwischen den Handlungsfeldern in den Blick nehmen.
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Keine Angst vorm Verwaltungsakt (19.11.2026) mit Nathalie Benz. Wenn sich Regeln wie die Kostenheranziehung der Eltern ändern, müssen auch Bescheide angepasst werden. Das Webinar zeigt, wie Verwaltungsakte in der Kinder- und Jugendhilfe rechtssicher aufgebaut sind.
Die vollständige Übersicht aller Termine finden Sie unter iresa.education/live-webinare .
Über diese Frage lohnt es sich gemeinsam nachzudenken. Mit Dr. Jürgen Strohmaier und IRESA Education haben Sie im November die Gelegenheit dazu.
- Deutscher Bundestag: Erste Lesung zur Strukturreform der Kinder- und Jugendhilfe, Textarchiv KW 41, 08.10.2026, bundestag.de
- Deutscher Bundestag, Ausschuss für Bildung, Familie, Senioren, Frauen und Jugend: Öffentliche Anhörung zum 1. KJHSRG (Drucksache 21/8274), 12.10.2026, bundestag.de
- Bundesministerium für Bildung, Familie, Senioren, Frauen und Jugend: Erstes Gesetz zur Strukturreform der Kinder- und Jugendhilfe, bmbfsfj.bund.de
- Deutscher Bundestag: Gesetzentwurf der Bundesregierung, Erstes Kinder- und Jugendhilfestrukturreform-Gesetz, Drucksache 21/8274, 30.09.2026, dserver.bundestag.de
- Heinz Müller, Institut für Sozialpädagogische Forschung Mainz (ism): Schriftliche Stellungnahme zur Anhörung, Ausschussdrucksache 21(13)57e, 08.10.2026, bundestag.de
- Bundesvereinigung der kommunalen Spitzenverbände: Schriftliche Stellungnahme zur Anhörung, Ausschussdrucksache 21(13)57f, 09.10.2026, bundestag.de
- Statistisches Bundesamt: Öffentliche Hand gab 2024 rund 78,8 Milliarden Euro für Kinder- und Jugendhilfe aus, destatis.de
- Arbeitsgemeinschaft für Kinder- und Jugendhilfe (AGJ): Pressemitteilung zur SGB VIII Reform, 27.04.2026, agj.de
- IRESA Education: Beschreibungen der Webinare vom 10./26.11. und 19.11.2026, iresa.education
