Aktuelles aus der Kinder- und Jugendhilfe
Unsere Monatsimpulse
Diese Seite greift die Inhalte unserer Newsletter Monatsimpulse auf und führt die darin gestellten Fragen mit den Antworten aus der Kinder- und Jugendhilfe zusammen. Ziel ist es, aktuelle Themen nicht nur zu benennen, sondern gemeinsam zu reflektieren und unterschiedliche Perspektiven sichtbar zu machen. Gerade in einem dynamischen Arbeitsfeld wie der Kinder- und Jugendhilfe ist es entscheidend, im Dialog zu bleiben, voneinander zu lernen und neue Impulse aufzunehmen. Wir arbeiten daran diese Seite zukünftig immer weiter auszubauen und freuen uns über ihr Feedback!
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Rückmeldung eines Schulsozialarbeiters

Liebe Mitmenschen,
ein Social Media Verbot für Kinder und Jugendliche pauschal halte ich für keine gute Lösung. Es ermächtigt nicht zur Selbstverantwortung und zur Reflektion über die Sinnhaftigkeit des Medienkonsums. In der ganzen Diskussion kommt mir die Verantwortung der Eltern zu kurz. Es ist ihre Pflicht, die Kinder zu begleiten und zunächst auch zu kontrollieren.
Voraussetzung ist ein gutes vertrauensvolles Verhältnis zwischen Eltern und Kindern. Es ist wahr, dass z.B. alleinerziehende Eltern den Kopf voll haben und oft überfordert sind. Die Verantwortung bleibt trotzdem zunächst bei ihnen. Die ganze Problematik wird immer schnell auf die Schulen geschoben. Dies greift aber zu kurz.
Schule kann mithelfen, indem sie z.B. anregt, dass Klassenchats immer von einem engagierten Elternteilbegleitet werden.
Bei Verstößen gegen die Chatregeln kann man die Thematik aufgreifen und immer wieder Aspekte von verantwortlichem Umgang, Empathie oder auch juristischen Grenzen klären. Schule kann Präventionsveranstaltungen zum Medienkonsum anbieten und vor allem immer, wenn etwas vorgekommen ist, dies ansprechen, damit die Kinder daraus lernen können.
Ein Verbot würde den Medienkonsum nur interessant machen und würde eh umgangen werden, abgesehen von Eltern, die jetzt schon wissen, dass ihre Kinder diese Medien nutzen, obwohl sie z.B. noch gar nicht das Alter haben, ab dem man die Plattform nutzen kann.
Rückmeldung einer Mitarbeiterin des Jugendamtes

Sehr geehrte Damen und Herren,
aus meiner praktischen Erfahrung heraus sehe ich soziale Medien für Kinder und Jugendliche keineswegs als primär förderlich für gesellschaftliche oder demokratische Teilhabe. Vielmehr stellen sie im Arbeitsalltag einen erheblichen Risikofaktor dar, insbesondere im Hinblick auf problematische Entwicklungen wie Suchtverhalten, ständige Vergleichsprozesse, daraus resultierende Minderwertigkeitsgefühle sowie eine zunehmende Verunsicherung in der Persönlichkeitsentwicklung.
Gerade in sensiblen Entwicklungsphasen tragen soziale Medien aus meiner Sicht eher zur Fragmentierung der Identität bei, als dass sie diese stärken. Dies kann die psychische Stabilität nachhaltig beeinträchtigen. Die theoretische Möglichkeit zur Teilhabe steht dabei aus meiner Sicht in keinem angemessenen Verhältnis zu den real beobachtbaren Risiken.
Vor diesem Hintergrund halte ich pauschale Einschränkungen oder Verbote – insbesondere für jüngere Altersgruppen – für sinnvoll, geeignet und notwendig. Der häufig angeführte Vergleich, dass Verbote keine Ursachen bekämpfen, greift aus meiner Sicht zu kurz. Auch in anderen gesellschaftlichen Bereichen, etwa im Umgang mit starken Suchtmitteln, werden klare Grenzen gesetzt, um insbesondere vulnerable Gruppen zu schützen – ungeachtet tieferliegender Ursachen. Insofern erscheint mir dieser Vergleich nicht tragfähig.
Es ist daher aus meiner Sicht nicht nur legitim, sondern erforderlich, Kinder und Jugendliche durch klare Regelungen vor nachweislich schädlichen Einflüssen zu schützen, damit sie sich stabil, selbstwirksam und gesund zu gesellschaftsfähigen Persönlichkeiten entwickeln können.
Ich möchte ausdrücklich darauf hinweisen, dass dieser Impuls meine eigene Meinung darstellt und nicht als Meinung des Jugendamtes generell gesehen werden darf.
Rückmeldung der Einrichtungsleitung eines freien Jugendhilfeträgers

Sehr geehrte Damen und Herren,
Immer wenn Adressaten und Adressatinnen sich in auffälliger Menge einer Sache zuwenden, die das Verhalten innerhalb der Kernumwelt merklich - eventuell negativ - beeinflusst, sprechen wir schnell von Sucht.
Hier eine mögliche Betrachtungsweise: Wenn ein Kind sich für die Oboe begeistert und stundenlang lernt, weil es eine Passion für sich entdeckt hat, ist dieses Kind aus unserer Sicht talentiert und geht einem Schaffensprozess nach. Das bewerten wir positiv, auch wenn es den Alltag einer ganzen Familie beeinflusst.
Kinder die in Büchern versinken und umgangssprachlich zu "Leseratten" werden, werden ebenso positiv wahrgenommen, obwohl die keinem Schaffensprozess an sich nachgehen, sie konsumieren ja eigentlich nur (ich überspitze natürlich mit Absicht).
Was wir hier eigentlich negativ bewerten, muss wohl etwas anderes sein, oder?
Die Grundfrage muss eigentlich immer lauten: Füge ich meiner Entwicklung und/oder meinem Körper im physikalischen Sinne einen Schaden zu?
Wenn ja, dann für Minderjährige zwingend regulieren, nicht per se verbieten.
Wenn nein, dann als Erwachsener eingestehen, dass unsere Kinder und Jugendlichen in anderen Zeiten groß werden.
Dass man Online-Spiele und verschiedene soziale Apps hier in eine allgemeingültige Bewertung gibt, halte ich für höchst schwierig.
Fun Fact aus der Praxis: FSK und USK funktionieren wie der Nutriscore- nämlich gar nicht. Bei Apple sind FSK und USK anders als bei Android, einige Apps sind ab 12 obwohl sie sich klar mit dem Elimieren anderer Individuen befassen usw. Ich würde eine gesunde Regulierung vorschlagen, und ein Verbot immer verneinen. Social Media ab 16? Hervorragend. Online-Spiele erst ab 16? Maßlos übertrieben.
Wir brauchen Gremien aus der Praxis für die Praxis und nicht Entscheider, die nichts mit Kindern zu tun haben. Und wir brauchen alle Lebensrealitäten. Was soll Lukas im 16. Stock aus Berlin-Kreuzberg denn machen, wenn Papa abgehauen ist und Mama ihre zweite Schicht pro Tag antritt, damit das Geld reicht? Eine Oboe wird er wohl nicht haben, ein einfaches Samsung-Handy eventuell schon.
Denkt auch an Lukas 🙂
Was ist heute die größte systemische Baustelle in der Kinder-und Jugendhilfe, die niemand offen anspricht?

Rückmeldung einer Mitarbeiterin des Jugendamtes

Meine Antwort auf die Frage nach der größten systemischen Baustelle in der Kinder- und Jugendarbeit ist die massiv zunehmende Erziehungsunfähigkeit der Eltern und mangelnde Bindungstoleranz.
Viele Eltern schaffen die einfachsten Anforderungen, Regeln, Konzepte, Verantwortungsübernahme nicht. Und es fehlt eine natürliche Intuition, für richtig oder falsch. Das macht die Beratertätigkeit extrem schwer, weil wenig auf fruchtbaren Boden fällt.
Rückmeldung der Einrichtungsleitung eines freien Jugendhilfeträgers

Das ist aus meiner bescheidenen Sicht, dass das Kalkulationssystem der Entgelte für große Träger unfassbar einfaches Wachstum ermöglicht, für kleine Träger aber maßgeblich erschwert. Das bedingt einen automatischen Abfall an Qualität.
Hierbei geht es mir nicht darum, als privater Träger schnell groß werden zu wollen. Man ist aber fast dazu gezwungen.
Gäbe es eine Landschaft, in der kleinere Betriebe einfacher gründen und wachsen (wachsen meint hier ein gesundes finanzielles Auskommen) könnten, dann gäbe es aus meiner Sicht eine deutlich größere Qualität bei der Arbeit für die Adressaten und Adressatinnen. Mehr Konkurrenz = mehr Qualität lautet meine These zumindest bei der Arbeit am Menschen.
Ich darf z.B. pro Wohngruppe einen Leitungsanteil von 0,3 berechnen und gegenfinanzieren lassen. Das deckt sich in keinster Weise mit dem administrativen und buchhalterischen Aufwand, sowie den Anforderungen an Gewerbetreibende in Deutschland.
Mache ich möglichst schnell vier Wohngruppen mit den geringsten Standards und persönlich niedrigen Ansprüchen auf, dann erhöht sich der Anteil schnell auf 1,2 Stellen. Bleibe ich allerdings bei einer Wohngruppe und möchte als Leitung mit persönlichen Ideen und hohen Ansprüchen aber vor allem die Qualität in den Vordergrund stellen, dann arbeite ich mich einfach kaputt.
Wir sehen das in der Wirtschaft genauso: IKEA? Sehe ich überall. Von Meistern geführte private Tischlereien mit hoher Qualität sterben aus. Mir ist klar, dass ich hier gerade ein Beispiel aus der Marktwirtschaft heranziehe, aber aus meiner Sicht ist das bei großen Einrichtungen nicht anders. Bei uns geht es aber um Menschen und nicht um Schränke. Bei IKEA sind die Costs of Good sicherlich auch andere Themen, wie Lieferketten, Rohstoffe etc. Aber wer möglichst schnell in der Jugendhilfe wächst, der profitiert einfach nur vom Wachsen und wird nicht wirklich an der Qualität gemessen und bezahlt.
Zumal ich aus sicheren Quellen - wie meiner eigenen Arbeit für einen größeren Träger weiß -, es wird ohne Ende beschissen. Weil die Träger aber so riesig sind, fällt das nicht auf oder es fehlen die Kapazitäten, diese auch zu kontrollieren.



Halten Sie das derzeit viel diskutierte pauschale Social Media Verbot für Kinder und Jugendliche für eine nachhaltige Lösung?