
Wenn hochbegabte Kinder nicht mehr zur Schule gehen können
Wenn ein Kind über Wochen in der Schule fehlt, denkt kaum jemand an Hochbegabung. Dabei kann genau sie eine Ursache sein. Wie Sie Hinweise darauf erkennen und warum Standardlösungen dann oft nicht greifen, besprechen wir in unserem LIVE-Webinar mit Susanne Burzel (Autorin und Impulsgeberin für Hochbegabung und Underachievement).
Schulabsentismus ist keine medizinische Diagnose, sondern ein pädagogischer Oberbegriff für problematische Fehlzeiten. Darauf weist das Deutsche Schulportal hin. Wie verbreitet solche Fehlzeiten sind, zeigen vorläufige Ergebnisse einer Studie der Universität Flensburg. Danach fehlte in Schleswig-Holstein fast jede und jeder zweite Neuntklässler im letzten Halbjahr an mindestens elf Schultagen.
Hinter den Fehlzeiten stehen ganz unterschiedliche Gründe. Eine Ursache, die in der Praxis leicht übersehen wird, ist eine hohe Begabung, die in der Schule keinen Platz findet. Die aktuelle Handreichung zum Nürnberger Schulabsentismusverfahren nennt Unterforderung ausdrücklich als möglichen Auslöser von Schulunlust. Susanne Burzel hat diese Situation in der eigenen Familie erlebt und schreibt auf ihrem Blog regelmäßig darüber. Ihre Beiträge bilden die Grundlage für diesen Artikel.
Sie lernen zentrale Merkmale von Hochbegabung kennen, erfahren, wie daraus Underachievement entstehen kann, und schauen gemeinsam auf Unterstützungsmöglichkeiten der Jugendhilfe abseits von Standardlösungen.
Zur Veranstaltung & Anmeldung →Was Hochbegabung und Underachievement bedeuten
Als hochbegabt gelten in der Regel Menschen mit einem Intelligenzquotienten von mindestens 130. Das trifft auf etwa 2 von 100 Kindern zu. So beschreibt es der Ratgeber „Hochbegabung in MV“, der in Zusammenarbeit mit dem Bildungsministerium Mecklenburg-Vorpommern und der Karg-Stiftung entstanden ist. Der Ratgeber betont zugleich, dass dieser Grenzwert eine Konvention ist und viele Förderprogramme weitere Kriterien berücksichtigen.
Eine hohe Begabung bedeutet nicht automatisch gute Noten. Von Underachievement spricht die Fachwelt, wenn Kinder trotz hoher Intelligenz nur durchschnittliche oder schwache Schulleistungen zeigen. Der Ratgeber schätzt den Anteil der Underachiever unter Hochbegabten auf 15 bis 25 Prozent. Häufig haben diese Kinder eine negative Einstellung zur Schule und werden als Problemkinder wahrgenommen.
Susanne Burzel beschreibt Underachievement als Prozess, der sich oft über Jahre entwickelt. In ihrem Beitrag vom September 2026 unterscheidet sie zwei Ebenen, die zusammenwirken.
- Die emotionale Ebene. Kinder, die sich von Lehrkräften und Mitschülern nicht gesehen fühlen, verlieren an Selbstwert. Ohne dieses Gefühl, wahrgenommen zu werden, lassen sie sich kaum auf fachliche Herausforderungen ein.
- Die kognitive Ebene. Hochbegabte brauchen Tempo, Tiefe und Aufgaben, die zu ihren Fähigkeiten passen. Fehlt das dauerhaft, folgen Resignation und das Infragestellen des Lernens.
Schulverweigerung oder Schulvermeidung?
Wie wir über fehlende Kinder sprechen, prägt, wie wir ihnen begegnen. Susanne Burzel zeigt in ihrem Beitrag zum Schulabsentismus, warum viele Eltern hochbegabter Kinder den Begriff Schulverweigerung ablehnen. Er unterstellt eine bewusste Entscheidung, obwohl viele Kinder lernen möchten, den Schulbesuch aber nicht mehr schaffen. Ihr Fazit fällt deutlich aus. „Das Wort Schulverweigerung trägt zur Stigmatisierung bei.“
Im englischsprachigen Fachdiskurs hat sich deshalb der Begriff der emotional bedingten Schulvermeidung durchgesetzt. Kinder bleiben fern, weil sie nicht mehr können, etwa aus Angst, Überforderung oder Resignation. Bei hochbegabten Kindern beobachtet Susanne Burzel oft eine Mischform. Eine bewusste Frage nach dem Sinn des Unterrichts trifft auf eine echte emotionale Notlage. Diese Verbindung kommt in gängigen Modellen nach ihrer Einschätzung zu kurz.
Bundesweit verlässliche Statistiken zu Fehlzeiten fehlen. Die Zahlen aus Schleswig-Holstein sind vorläufig und regional, der Anteil der Underachiever ist eine Schätzung. Je nach Bundesland und Handreichung gelten andere Schwellenwerte. Über die Ursachen im Einzelfall sagen die Zahlen nichts aus.
Gleiche Symptome, andere Ursachen
Was im Unterricht auffällt, kann ganz unterschiedliche Hintergründe haben. In ihrem Beitrag zur Abgrenzung von Hochbegabung, ADHS und Autismus zeigt Susanne Burzel, wie ähnlich sich das Verhalten nach außen zeigen kann. Ein Kind ist unruhig, hinterfragt Regeln oder vermeidet Leistung. Die Gründe können aber verschieden sein, etwa Unterforderung, Perfektionismus oder ein anderes Denktempo. Zudem können Hochbegabung und eine Neurodivergenz auch gemeinsam auftreten. Fachleute sprechen dann von twice exceptional.
Für die Jugendhilfe ist das mehr als eine Detailfrage. Wird die Ursache falsch eingeschätzt, passt am Ende auch die Hilfe nicht. Genau hier setzt das Webinar an. Es zeigt, welche Folgen eine Fehleinschätzung für die Hilfeplanung haben kann. Die Diagnostik selbst bleibt dabei Aufgabe von Fachleuten.
Warum Standardlösungen oft nicht passen
Wie es sich aus Sicht einer Familie anfühlt, beschreibt Susanne Burzel in ihrem Beitrag „Schulpflicht statt Bildungsteilhabe“. Ihre Söhne wollten lernen, konnten die Schule aber nicht mehr besuchen. Statt passender Lösungen erlebte die Familie Drohungen mit Bußgeld oder einer Klinikeinweisung. Das Jugendamt sah sich nach ihrer Darstellung nur für die soziale Teilhabe zuständig, nicht für Bildung oder den Schulabschluss. In ihrem Beitrag zu den zwei Ebenen des Underachievements berichtet sie außerdem von zwei vom Jugendamt vorgeschlagenen Internaten. Beide setzten jeweils nur auf eine Ebene, entweder auf die Begabung oder auf die Defizite.
Dass es auch anders geht, zeigt ein Beispiel aus Offenbach. An der Oswald-von-Nell-Breuning-Schule gibt es eine eigene Abteilung für hochbegabte Schülerinnen und Schüler mit besonderen Schwierigkeiten. Dort erreichte einer der Söhne von Susanne Burzel nach einem Jahr den mittleren Schulabschluss. Laut Infoblatt der Einrichtung lernen in der Abteilung etwa 70 Schülerinnen und Schüler, die Aufnahme ist an einen sonderpädagogischen Förderbedarf im Bereich soziale und emotionale Entwicklung gebunden.
Die Beiträge von Susanne Burzel beruhen überwiegend auf ihren eigenen Erfahrungen als Mutter. Sie zeigen die Perspektive einer Familie und ersetzen keine fachliche Einschätzung im Einzelfall. Gerade deshalb lohnt es sich, diese Sicht in der Fachpraxis mitzudenken.
Was Sie im Webinar erwartet
Im LIVE-Webinar bringt Susanne Burzel ihre Erfahrung als Autorin, Impulsgeberin und Mutter zweier hochbegabter Söhne mit. Gemeinsam mit Ihnen schaut sie auf diese Fragen.
- Woran Sie Hochbegabung und Underachievement erkennen. Zentrale Merkmale und typische Anzeichen, die in der Praxis oft übersehen werden.
- Wie sich Hochbegabung von anderen Neurodivergenzen unterscheidet. Die Abgrenzung zu ADHS, Autismus und weiteren Profilen und was eine Fehleinschätzung für die Hilfeplanung bedeutet.
- Wie Familie, Schule und Jugendhilfe zusammenarbeiten können. Die Herausforderungen bei der Feststellung von Hochbegabung und der Kooperation im Fall.
- Welche Alternativen es zur Regelschule gibt. Warum Standardangebote oft nicht passen und welche Wege abseits davon möglich sind.
- Wie Sie das Wissen in Ihren Alltag übertragen. Sie können eigene Fälle einbringen und Fragen vorab einreichen.
Den zweiten Blick wagen
Hinter langen Fehlzeiten steckt selten nur Unlust. Wenn eine hohe Begabung im Spiel ist, brauchen Kinder und Familien Fachkräfte, die genauer hinschauen und Hilfen passend zusammenstellen. Unser Webinar gibt Ihnen dafür Hintergrundwissen und Anregungen aus erster Hand.
Schulvermeidung und Schulabstinenz
Wenn Hochbegabung die Ursache ist. Unterstützungsmöglichkeiten der Jugendhilfe
Hochbegabung wird als Ursache von Schulvermeidung und Schulabstinenz oft übersehen. Das Webinar vermittelt zentrale Merkmale von Hochbegabung und Underachievement und grenzt sie von anderen Neurodivergenzen ab.
Im Mittelpunkt stehen die Folgen für die Hilfeplanung, die Zusammenarbeit von Familie, Schule und Jugendhilfe und Alternativen zu Standardangeboten. Bringen Sie gern eigene Fälle mit oder reichen Sie Ihre Fragen vorab ein.
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Neurodivergente Kinder und Schule (13.04.2027) mit Corina Elfe. Das Webinar beleuchtet, wie schulische Herausforderungen wie Schulabsentismus oder herausforderndes Verhalten mit neurodivergenten Profilen wie ADHS und Autismus zusammenhängen.
Die vollständige Übersicht aller Termine finden Sie unter iresa.education/live-webinare .
Über diese Frage lohnt es sich gemeinsam nachzudenken. Mit Susanne Burzel und IRESA Education haben Sie im November die Gelegenheit dazu.
- Susanne Burzel: Gesehen fühlen vor Leistung. Warum Underachievement auf 2 Ebenen gelöst werden muss, 24.09.2026, susanneburzel.de
- Susanne Burzel: Schulabsentismus. Warum der Begriff Schulverweigerung von vielen Eltern abgelehnt wird, 16.09.2026, susanneburzel.de
- Susanne Burzel: Schulpflicht statt Bildungsteilhabe. Warum das System hochbegabte Kinder verliert, 24.07.2026, susanneburzel.de
- Susanne Burzel: Hochbegabung, ADHS oder Autismus? Gleiche Symptome, andere Ursachen, 08.05.2026, susanneburzel.de
- Susanne Burzel: Ist Hochbegabung eine Behinderung und braucht es Inklusion?, 21.11.2025, susanneburzel.de
- Bildungsministerium Mecklenburg-Vorpommern und Karg-Stiftung: Hochbegabung in MV. Ratgeber für Eltern und Lehrkräfte, bildung-mv.de
- Deutsches Schulportal: Schulabsentismus. Warum Kinder und Jugendliche die Schule schwänzen, aktualisiert am 05.05.2026, deutsches-schulportal.de
- Polizeipräsidium Mittelfranken, Jugendamt Nürnberg und Staatliches Schulamt Nürnberg: Handreichung Schulabsentismus. Das Nürnberger Schulabsentismusverfahren, Stand April 2026, nuernberg.de
- Oswald-von-Nell-Breuning-Schule Offenbach: Infoblatt Twice exceptional. Hochbegabt mit besonderen Schwierigkeiten, Abteilung 2e, bistummainz.de
- IRESA Education: Beschreibungen der Webinare vom 24.11.2026 und 13.04.2027, iresa.education
