Aktuelles aus der Kinder- und Jugendhilfe

Wer gestaltet den Sozialraum, wenn alle zuständig sind?

Für Kinder und Jugendliche gehören Schule, Ganztag, Jugendtreff, Verein und Nachbarschaft zusammen. In der Verwaltung sind dafür oft ganz unterschiedliche Stellen verantwortlich. In unserer Pädagogischen Kaffeepause am 11. November sprechen wir darüber, wie Sozialraumgestaltung trotzdem gelingen kann.

Viele von Ihnen kennen das aus dem Alltag. Der Spielplatz gehört zum Grünflächenamt, der Jugendtreff zu einem freien Träger, der Ganztag zur Schule und die Hilfeplanung zum Jugendamt. Für ein Kind ist das alles ein einziger Ort, nämlich sein Viertel. Für uns Fachkräfte bedeutet es viele Schnittstellen, viele Abstimmungen und manchmal das Gefühl, dass gute Ideen irgendwo zwischen zwei Stellen hängen bleiben.

Im Herbst 2026 zeigt sich an mehreren Stellen, wie wichtig die Kommunikation zwischen diesen Stellen ist. Der Rechtsanspruch auf Ganztag bringt Jugendhilfe und Schule enger zusammen als bisher, und Landkreise, die seit Jahren sozialraumorientiert arbeiten, öffnen ihre Türen für den fachlichen Austausch. Genau diesen Austausch möchten wir mit unserer Pädagogischen Kaffeepause auch Ihnen ermöglichen.

Pädagogische Kaffeepause im November Pädagogische Kaffeepause von IRESA Education
Sozialraum gestalten 11. November 2026, 12:30 bis 13:00 Uhr, kostenfrei

30 Minuten offener Austausch unter Kolleginnen und Kollegen. Kein Vortrag, keine Folien. Sie schalten sich einfach dazu, hören zu oder sprechen mit, ganz so, wie es für Sie passt.

Kostenfrei dabei sein →

Ein Landkreis, der seit zehn Jahren im Sozialraum denkt

Anfang Oktober hat der Vogelsbergkreis in Hessen vom Besuch einer Delegation aus dem Ilm-Kreis in Thüringen berichtet. Das Jugendamt dort will künftig sozialraumorientiert arbeiten und befindet sich nach eigener Aussage noch in der Vorstufe. Im Vogelsberg wird dagegen seit mehr als zehn Jahren nach dem Fachkonzept Sozialraumorientierung gearbeitet.

Der Anstoß war damals sehr praktisch. Laut Landrat Dr. Jens Mischak liefen die Kosten der Jugendhilfe davon, und zwei Drittel der betreuten Jugendlichen mussten außerhalb des Kreises untergebracht werden, zum Teil sehr weit entfernt. Die freien Träger zogen mit und schufen neue Plätze in den eigenen Sozialräumen, darunter vier neue Standorte. Heute gibt es dort nach Angaben des Landrats insgesamt etwa 50 bis 60 Plätze. Die Fallzahlen liegen deutlich unter dem Stand von vor zehn Jahren, und die Kosten bewegen sich eher seitwärts als steil nach oben. Von dem System ist der Landrat nach eigenen Worten überzeugt, auch dank der guten Zusammenarbeit mit den Trägern und des Rückhalts in der Politik.

„Es gibt keine Blaupause“, sagt Christian Kornmann, Leiter des Vogelsberger Jugendamtes. Umso wichtiger sei der gegenseitige Austausch in der Sozialraum-Community, von dem auch der eigene Landkreis profitiere. Ende Oktober lädt das Jugendamt Städte und Landkreise von Nordfriesland über Weimar bis Graz zu einer zweitägigen Tagung ein.

Das Beispiel zeigt, dass gute Sozialraumarbeit selten im Alleingang entsteht. Sie lebt davon, dass Jugendamt, Träger und Politik miteinander reden, voneinander lernen und Erfahrungen auch über Kreisgrenzen hinweg teilen.

Der Ganztag bringt neue Schnittstellen in den Sozialraum

Seit dem 1. August 2026 haben Kinder der ersten Klasse einen Rechtsanspruch auf ganztägige Förderung. Bis zum Schuljahr 2029/30 wächst er Jahr für Jahr bis zur vierten Klasse auf. Der Anspruch umfasst acht Stunden an Werktagen, die Unterrichtszeit wird dabei angerechnet.

Für die Kommunikation vor Ort ist vor allem die Zuständigkeit spannend. Der Anspruch richtet sich gegen den Träger der öffentlichen Jugendhilfe, also das Jugendamt. Umgesetzt wird der Ganztag aber an Schulen, in Horten oder in Kooperation mit freien Trägern, Vereinen und Musikschulen. Damit sitzen Jugendamt, Schulträger, Schulleitung und Ganztagsträger künftig noch häufiger an einem Tisch.

  • Nordrhein-Westfalen. Seit dem 1. August 2026 gilt ein neuer Erlass für den Offenen Ganztag. Der Schulträger entscheidet über die Einrichtung einer offenen Ganztagsschule nun im Einvernehmen mit dem Träger der öffentlichen Jugendhilfe. Außerdem ist das Jugendamt ausdrücklich Partner der Kooperationsvereinbarung, gemeinsam mit Schulträger, Schulleitung und außerschulischem Träger.
  • Kreis Bergstraße in Hessen. Mitte Oktober hat der Kreis über neue Vereinbarungen für 16 weitere Schulen berichtet, 14 davon sind neu im Pakt für den Ganztag. Die Vereinbarungen regeln die Zusammenarbeit von Schule, Schulträger und Ganztagsträger. Im Schuljahr 2026/27 nehmen dort rund 4.414 Kinder an 43 Grundschulen teil.
  • Ganztagskongress in Berlin. Rund 800 Teilnehmende aus Schule, Kita, Kinder- und Jugendhilfe und Kommunen haben am 22. und 23. Juni über die Weiterentwicklung des Ganztags diskutiert. Der Deutsche Philologenverband hält in seinem Bericht von Anfang Oktober fest, dass es dafür einen gemeinsamen Bildungsbegriff von Schule und Jugendhilfe sowie verbindliche Kooperationen braucht.
Der Ganztag in Zahlen 74 % der Grundschulen sind Ganztagsschulen 1,9 Mio. Kinder in Ganztagsschule oder Hort (2023/24) 57 % Inanspruchnahme bundesweit (2023/24) 264.000 zusätzliche Plätze bis 2029/30 benötigt (Mittelwert) Quelle: Bundesministerium für Bildung, Familie, Senioren, Frauen und Jugend, Pressemitteilung vom 30.07.2026 und Dritter Bericht zum Ausbaustand der ganztägigen Bildungs- und Betreuungsangebote (Dezember 2025). Die Angaben zu Kindern und Inanspruchnahme beziehen sich auf das Schuljahr 2023/24.
Einordnung Bundesweite Zahlen sagen wenig über Ihren eigenen Sozialraum.

Laut drittem Ausbaubericht lag die Inanspruchnahme im Schuljahr 2023/24 in den westdeutschen Ländern bei 51 Prozent, in den ostdeutschen bei 84 Prozent. Auch zwischen einzelnen Kommunen gibt es große Unterschiede bei Angebot und Ausgestaltung. Den vierten Bericht will die Bundesregierung voraussichtlich im Dezember 2026 vorlegen.

Wer den Sozialraum mitgestaltet

Sozialraumgestaltung ist weit mehr als eine Aufgabe der Jugendhilfe. Wer die Lebensräume von Kindern und Jugendlichen gestalten möchte, hat es mit vielen Stellen zu tun, die jeweils eigene Aufträge, eigene Budgets und eigene Abläufe haben.

Viele Stellen, ein Lebensraum Kinder und Jugendliche Jugendamt Schule und Schulträger Freie Träger Kita und Hort Kommune und Stadtplanung Eltern, Vereine, Nachbarschaft Eigene Darstellung IRESA Education

Gute Sozialraumgestaltung entsteht dort, wo diese Stellen voneinander wissen, sich regelmäßig austauschen und die Sicht der Kinder und Jugendlichen gemeinsam in den Mittelpunkt stellen. Das klingt selbstverständlich, ist im Alltag aber oft die eigentliche Herausforderung.

Beteiligung gelingt nicht nebenbei

Zur Sozialraumgestaltung gehört auch die Frage, wie Kinder und Jugendliche selbst mitreden können. In einigen Bundesländern ist das in der Kommunalverfassung verankert. In Baden-Württemberg etwa sollen Gemeinden Kinder und müssen sie Jugendliche bei Planungen beteiligen, die ihre Interessen berühren.

Wie Beteiligung im Sozialraum praktisch aussehen kann, hat der Verein Kinderfreundliche Kommunen in einem vom Bundesjugendministerium geförderten Vorhaben erprobt. In Nauen, Puchheim und Flensburg wurden sozialraumbezogene Streifzüge als niedrigschwelliges Beteiligungsformat getestet und ausgewertet. Solche Formate brauchen allerdings Zeit, Personal und eine Verwaltung, die Rückmeldungen junger Menschen tatsächlich aufgreift.

Zwischen Anspruch und Wirklichkeit

Genau an dieser Stelle setzt unsere Kaffeepause an. Denn im Alltag stoßen gute Konzepte immer wieder an Grenzen, die viele von Ihnen kennen dürften.

  • Begrenzte Ressourcen. Personal, Räume und Budgets reichen oft nicht für das, was im Sozialraum eigentlich nötig wäre.
  • Unterschiedliche Zuständigkeiten. Wenn Jugendamt, Schulträger, freie Träger und Stadtplanung jeweils nur einen Ausschnitt verantworten, fehlt manchmal der gemeinsame Blick auf das Ganze.
  • Beteiligung, die folgenlos bleibt. Kinder und Jugendliche werden gefragt, erfahren aber nicht, was aus ihren Ideen geworden ist.
Fragen, die wir in die Kaffeepause mitnehmen
Mit welchen Stellen in Ihrem Sozialraum sprechen Sie regelmäßig, und mit welchen eigentlich nie?
Wo erleben Sie, dass Zuständigkeiten eine gute Idee ausbremsen?
Wie erfahren Kinder und Jugendliche bei Ihnen, was aus ihren Vorschlägen geworden ist?

Es gibt dabei keine richtigen oder falschen Antworten. Bringen Sie gern Ihre eigenen Erfahrungen und offenen Fragen mit, auch wenn sie noch nicht zu Ende gedacht sind.

Warum wir dafür eine Kaffeepause anbieten

Wir verstehen uns bei IRESA Education als Brückenbauer zwischen den Wirkenden in der Kinder- und Jugendhilfe. Zwischen Praxis und Wissenschaft, zwischen einzelnen Institutionen und dem großen Ganzen, zwischen erfahrenen Kolleginnen und Kollegen und denen, die gerade in den Beruf einsteigen. Die Pädagogische Kaffeepause ist ein kleiner Baustein dieser Idee.

Sie bringt Menschen zusammen, die sonst vielleicht nicht miteinander ins Gespräch gekommen wären. Fachkräfte aus Jugendämtern, von freien Trägern, aus Kitas und Schulen begegnen sich hier über die Grenzen einzelner Einrichtungen hinweg. Genau so, wie es auch für die Gestaltung eines Sozialraums nötig ist.

Pädagogische Kaffeepause

Sozialraum gestalten

30 Minuten offener Austausch für Fachkräfte

Pädagogische Kaffeepause von IRESA Education
Format Kein Vortrag, keine Folien, keine Anmeldehürden Ein aktuelles Thema aus dem Praxisalltag und Raum für Ihren kollegialen Austausch

Bei diesem Termin geht es um Sozialraumgestaltung und alles, was dazugehört. Von begrenzten Ressourcen über unterschiedliche Zuständigkeiten bis zur Frage, wie Beteiligung wirklich gelingen kann. Wie können wir Lebensräume von Kindern und Jugendlichen aktiv mitgestalten, welche Akteure spielen dabei eine Rolle, und wo entstehen Spannungsfelder zwischen Anspruch und Wirklichkeit?

Sie haben unseren virtuellen Raum 30 Minuten zu Ihrer freien Verfügung. Schalten Sie sich einfach dazu, hören Sie zu oder sprechen Sie mit, so wie es gerade für Sie passt.

Termin 11. November 2026
Uhrzeit 12:30 bis 13:00 Uhr
Ort Unser bekannter Webinarraum (Edudip)
Kosten kostenfrei

Eingeladen sind alle Fachkräfte und Mitarbeitenden der Kinder- und Jugendhilfe, gern auch Lehrkräfte sowie Erzieherinnen und Erzieher. Für die Teilnahme genügen PC, Laptop oder Tablet mit Browser, am besten Chrome. Kamera und Mikrofon sind wünschenswert.

Kostenfrei anmelden →
Ein weiteres passendes Angebot

Die vollständige Übersicht aller Termine finden Sie unter iresa.education/live-webinare .

Ein Sozialraum wird nicht von einer Stelle allein gestaltet. Er entsteht dort, wo Menschen miteinander ins Gespräch kommen.
Mit wem in Ihrem Sozialraum würden Sie gern öfter sprechen?

Vielleicht treffen Sie genau diese Kolleginnen und Kollegen in unserer Kaffeepause. Wir freuen uns, wenn Sie am 11. November dabei sind.

Quellen
  • Kreisausschuss des Vogelsbergkreises: Und wieder ein Austausch über Sozialraumorientierte Jugendhilfe, Pressemitteilung, 02.10.2026, lifepr.de
  • Bundesministerium für Bildung, Familie, Senioren, Frauen und Jugend: Rechtsanspruch auf Ganztag startet zum 1. August 2026, Pressemitteilung, 30.07.2026, bmbfsfj.bund.de
  • Bundesministerium für Bildung, Familie, Senioren, Frauen und Jugend: Vor Inkrafttreten des Rechtsanspruchs, Ganztagsausbau geht kontinuierlich voran (Dritter Ausbaubericht), 03.12.2025, bmbfsfj.bund.de
  • Ministerialblatt NRW 2026 Nr. 92: Offene Ganztagsschulen sowie außerunterrichtliche Ganztags- und Betreuungsangebote im Primarbereich, Nr. 4.2 und Nr. 6.5, in Kraft seit 01.08.2026, recht.nrw.de
  • Kreis Bergstraße: Gemeinsam für einen starken Ganztag im Kreis Bergstraße, Pressemitteilung Nr. 279, Oktober 2026, kreis-bergstrasse.de
  • Deutscher Philologenverband: Ganztag als Bildungsauftrag, Bericht zum Ganztagskongress 2026, 04.10.2026, dphv.de
  • Landeszentrale für politische Bildung Baden-Württemberg: Kommunale Kinder- und Jugendbeteiligung, § 41a Gemeindeordnung, lpb-bw.de
  • Kinderfreundliche Kommunen e.V.: Kommunale Beteiligung inklusiv und divers, kinderfreundliche-kommunen.de
  • IRESA Education: Pädagogische Kaffeepause „Sozialraum gestalten“ am 11.11.2026, iresa.education

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