PISA-Studie: Was die neuen Ergebnisse für die Kinder- und Jugendhilfe bedeuten
Am 8. September 2026 hat die OECD in Berlin die Ergebnisse der neuen PISA-Studie vorgestellt. Sie zeigen erneut, wie stark der Bildungserfolg eines Kindes in Deutschland von seiner sozialen Herkunft abhängt und damit betrifft PISA weit mehr als nur die Schule.
Für Fachkräfte der Kinder- und Jugendhilfe sind die neuen Zahlen deshalb keine reine Randnotiz aus dem Schulsystem. Wo Bildungserfolg so eng mit Lebenslagen verknüpft ist, entscheidet sich Chancengerechtigkeit nicht allein im Klassenzimmer, sondern in der Summe aller Unterstützung, die ein Kind über den Tag verteilt bekommt.
Was wurde eigentlich untersucht?
Getestet wurden über 760.000 Fünfzehnjährige in 91 Ländern und Volkswirtschaften, in Deutschland rund 6.700 Schülerinnen und Schüler an etwa 245 Schulen. Schwerpunkt der Erhebung waren die Naturwissenschaften, Mathematik und Lesen liefen als Nebenbereiche mit, so sieht es das rotierende PISA Design vor, bei dem sich der Testschwerpunkt von Zyklus zu Zyklus verschiebt. Erstmals kam außerdem ein Fremdsprachentest hinzu, und als neuer Innovationsbereich wurde geprüft, wie gut Jugendliche mit digitalen Werkzeugen lernen und Probleme lösen, im PISA Jargon "Lernen in der digitalen Welt".
Die Haupterhebung in Deutschland fand im April und Mai 2025 statt. Durchgeführt wurde sie vom Zentrum für internationale Bildungsvergleichsstudien (ZIB) e.V. an der Technischen Universität München, im Auftrag von Kultusministerkonferenz und Bundesbildungsministerium, seit Oktober 2024 unter der Leitung von Prof. Dr. Samuel Greiff. Erst nach der Auswertung aller Tests und Fragebögen konnten die Ergebnisse nun, im September 2026, veröffentlicht werden.
Wie schneidet Deutschland ab?
Schon am Tag vor der offiziellen Vorstellung war klar, wohin die Reise geht: Berichten zufolge, denen bereits vorab Auswertungen vorlagen, schneiden Deutschlands Fünfzehnjährige in allen drei getesteten Bereichen, Lesen, Mathematik und Naturwissenschaften, schlechter ab als bei der letzten Erhebung 2022.
Zur Einordnung: Schon 2022 erreichte rund ein Drittel der Schülerinnen und Schüler in Mathematik nicht die grundlegende Kompetenzstufe, in Lesen und Naturwissenschaften verfehlte etwa jedes vierte Kind das Mindestniveau. Seit rund 15 Jahren sinken die deutschen PISA Ergebnisse tendenziell, während Deutschland aktuell etwa 4,6 Prozent seines Bruttoinlandsprodukts in Bildung investiert, nach Einschätzung von Bildungsökonominnen zu wenig, um das Versäumte aufzuholen.
Die eigentliche Botschaft: Herkunft entscheidet zu oft mit
Zahlen wie diese sagen wenig darüber, warum ein einzelnes Kind schlechter liest oder rechnet als ein anderes. Genau hier setzt die eigentlich entscheidende Erkenntnis der PISA Studien an: In kaum einem anderen Industriestaat hängt der Bildungserfolg so stark von der sozialen Herkunft ab wie in Deutschland. Ob ein Kind aus einer sozial abgesicherten oder einer benachteiligten Familie kommt, beeinflusst seine Chancen im Bildungssystem spürbar stärker als im internationalen Durchschnitt.
Die schwachen Ergebnisse ziehen sich dabei durch alle Schulformen, an Gymnasien fallen sie deutlich moderater aus als an Schulen mit hohem Anteil sozial belasteter Kinder. Auch die Zahlen zu Schulabbrüchen zeigen dieses Muster: Bundesweit verlassen rund acht Prozent der Jugendlichen die Schule ohne Abschluss, unter Jugendlichen mit ausländischer Herkunft liegt die Quote nach einer Auswertung der Bertelsmann Stiftung fast dreimal so hoch.
Was das Deutsche Kinderhilfswerk fordert
Das Deutsche Kinderhilfswerk hat direkt am Tag der Veröffentlichung reagiert und fordert von Bund, Ländern, Kommunen und Schulen einen deutlich stärkeren Fokus auf Bildungsgerechtigkeit.
Bemerkenswert an der Stellungnahme ist, dass sie ausdrücklich über die Schule hinausgeht: Neben mehr Personal, besserem Unterricht und früher Förderung in der Kita nennt das Kinderhilfswerk explizit außerschulische Bildung und die Offene Kinder- und Jugendarbeit als unverzichtbar, um soziale Benachteiligung auszugleichen und Teilhabe zu ermöglichen. Genau hier sind Fachkräfte der Kinder- und Jugendhilfe gefragt, in der Schulsozialarbeit, in Erziehungshilfen, in der offenen Jugendarbeit, in Beratungsstellen und in multiprofessionellen Teams an den Schulen selbst.
Was Politik und Zivilgesellschaft jetzt tun
Auf Bundesebene läuft seit dem Schuljahr 2024/25 das Startchancen Programm, nach eigenen Angaben des Bundesbildungsministeriums das größte Bildungsprogramm in der Geschichte der Bundesrepublik. Verantwortlich ist die aktuelle Bundesministerin für Bildung, Familie, Senioren, Frauen und Jugend, Karin Prien (CDU), die das Amt seit Mai 2025 innehat.
- 20 Milliarden Euro über zehn Jahre, jeweils eine Milliarde pro Jahr von Bund und Ländern
- rund 4.000 Schulen mit etwa einer Million Kindern, viele aus einkommensschwachen oder bildungsfernen Familien
- 40 Prozent der Mittel für eine bessere Lernumgebung
- jeweils 30 Prozent für Schul- und Unterrichtsentwicklung sowie für zusätzliches Personal in multiprofessionellen Teams
Bildungsökonominnen mahnen dabei zu gezielter statt gleichmäßig verteilter Förderung. Gefordert werden außerdem mehr Frühförderung in Kitas, systematische Sprachstandserhebungen vor der Einschulung und Mentoring Programme, die Kindern mit Migrationshintergrund den Schulstart erleichtern.
Die gemeinnützige Organisation KinderHelden begleitet seit 2015 in mehreren deutschen Städten, unter anderem in Mannheim und der Rhein-Neckar-Region, Grundschulkinder mit erschwerten Startbedingungen durch ehrenamtliche Mentorinnen und Mentoren. In Eins-zu-eins-Tandems treffen sich Kind und Mentor mindestens ein Schuljahr lang wöchentlich, gemeinsames Lernen und Freizeitaktivitäten wechseln sich ab.
Es handelt sich dabei um Angaben der Organisation selbst, keine unabhängige Wirkungsstudie. Als Beispiel zeigt es dennoch gut, wie zivilgesellschaftliches Engagement und Kinder- und Jugendhilfe dort ansetzen können, wo staatliche Programme allein nicht ausreichen.
Was das für die pädagogische Praxis bedeutet
Wer in der Kinder- und Jugendhilfe arbeitet, trägt damit direkt zur Chancengerechtigkeit bei, die PISA jedes Mal aufs Neue einfordert. Langfristig lohnt sich diese Arbeit auch volkswirtschaftlich: Das ifo Institut hat berechnet, dass bessere Bildungsleistungen bis zum Jahr 2105 zu einer zusätzlichen Wirtschaftsleistung von rund 21 Billionen Euro führen könnten, etwa dem Fünffachen der heutigen jährlichen Wirtschaftsleistung Deutschlands.
Wie Fachkräfte jetzt gezielt weiterkommen
Chancengerechtigkeit entsteht nicht von allein, sondern durch Fachkräfte, die neue Ansätze kennen und in ihrem Arbeitsalltag anwenden können.
Ideen außerhalb der herkömmlichen Methodik in der Kinder- und Jugendhilfe
IRESA Education bietet am 24. September 2026 ab 9:00 Uhr das LIVE-Webinar „Ideen außerhalb der herkömmlichen Methodik in der Kinder- und Jugendhilfe" an.
Im Zentrum steht die Frage, wie sich pädagogische Praxis abseits eingefahrener Methoden weiterentwickeln lässt, gerade dort, wo klassische Förderung an ihre Grenzen stößt, ein direkter Anknüpfungspunkt an die Herausforderungen, die die aktuelle PISA Studie sichtbar macht.
Zur Veranstaltung & Anmeldung →- Neurodivergente Kinder und Schule (06.10.2026): Wie gelingt schulische Förderung für Kinder, die im Regelsystem besonders häufig durchs Raster fallen?
- „Die Subtraktion des Denkens“, Wohin geht die Kinder- und Jugendhilfe? (10.11. & 26.11.2026): Ein Standpunkt-Format für alle, die die strukturellen Fragen hinter Zahlen wie diesen weiterdenken wollen.
Unabhängig von den PISA Ergebnissen, aber genauso Teil davon, jungen Menschen und ihrem Alltag näherzukommen: Im Webinar TikTok Beauty, Jugendliche zwischen Selbstoptimierung und Identitätssuche (16.09.2026) geht es um Selbstdarstellung und Identitätssuche auf Social Media, ein Einblick in eine Lebenswelt, die in der pädagogischen Arbeit immer präsenter wird.
Die vollständige Übersicht aller Termine finden Sie unter iresa.education/live-webinare .
Wer Kinder und Familien in der Kinder- und Jugendhilfe begleitet, ist Teil der Antwort auf diese Frage, jeden Tag aufs Neue.
- OECD: PISA 2025 Results (Volume I), veröffentlicht 08.09.2026, oecd.org
- Zentrum für internationale Bildungsvergleichsstudien (ZIB) e.V. / TU München: Ablauf und Durchführung PISA 2025, pisa.tum.de
- Deutsches Kinderhilfswerk: „PISA-Studie 2026", Pressemitteilung vom 08.09.2026, dkhw.de
- dpa via Volksstimme: „Bild: Deutschland sackt bei Pisa-Studie weiter ab", 07.09.2026, volksstimme.de
- ZDFheute: „Bildung als Wirtschaftsfaktor: Milliarden-Förderung für Schulen", 07.09.2026, zdfheute.de
- Bundesregierung: Lebenslauf Karin Prien, bundesregierung.de
- KinderHelden gGmbH: Informationen zum Mentoring-Programm, kinderhelden.info

